Angst vor sichtbaren Symptomen Copy

Eine zweite Form von Lampenfieber bezieht sich auf die Angst vor sichtbaren Symptomen. Auch hier spielt natürlich wieder die erwartetet negative Bewertung eine große Rolle.

Die Gedanken sind dann ungefähr so: „Jetzt werde ich schon wieder rot, dann finden mich die anderen unsouverän und nicht überzeugend“. Das Ziel ist ein „makelloser“ Eindruck.

Du hast bereits einiges über die körperliche Reaktion beim Ausstoß von Adrenalin erfahren. Hier sind nun noch einmal einige Körperreaktionen gesammelt, die sichtbare Symptome verursachen:

  • Pupillen weiten sich – Augen werden aufgerissen
  • Erhöhte Muskelanspannung – führt zu Zittern oder unkontrollierten Bewegungen
  • Erhöhte Herzfrequenz, erhöhter Blutdruck – führt zu Rotwerden und Schwitzen, evtl. Schwindel
  • Flachere und schnellere Atmung – führt zu Atemnot, keine Luft für Sätze mehr haben
  • Blasen-, Darm- und Magentätigkeit – häufiger auf Toilette müssen
  • Absonderung von Molekülen im Schweiß, die andere Menschen Angst riechen lassen und bei diesen unterbewusst Alarmbereitschaft auslösen

Die Wahrnehmung unseres Körpers

In unserer Wahrnehmung nehmen wir unsere eigenen körperlichen Reaktionen sehr deutlich wahr, die von anderen jedoch nicht so deutlich. Andere sind also scheinbar nicht (oder nicht so massiv) wie wir selbst von den körperlichen Auswirkungen der Aufregung betroffen. Die eigenen Symptome sind eben für mich offensichtlicher. So geht es aber auch den anderen: auch für sie sind die eigenen Reaktionen deutlicher als meine.

Eine Studie, die diese Unaufmerksamkeitsblindheit sehr deutlich zeigt, ist im folgenden Video zu sehen. Da der Mann so auf die Wegbeschreibung fokussiert ist, merkt er nicht, was sich verändert.

Ein Experiment: Unaufmerksamkeitsblindheit

Bitte sieh dir das folgende Video an. Klicke dazu einfach diesen Link.

Merkst du, was hier passiert?

Derselbe Mechanismus wirkt auch während einer Rede – die Zuhörer sind mehr mit sich, dem Redethema, ihren eigenen Gedanken dazu (oder zu anderen Themen) beschäftigt, als dass sie auf jedes kleine Detail des Redners achten. Für uns selbst sind unsere körperlichen Reaktionen wahrnehmbarer und daher verfallen wir dem Trugschluss, dass alle anderen sie genauso deutlich wahrnehmen, wie wir selbst.

Scheinbare Kontrolle: Monitoring

Der Vorgang der überdeutlichen Wahrnehmung wird bei ängstlichen Menschen noch verstärkt: sie richten ihre Aufmerksamkeit intensiv auf die eigenen inneren Vorgänge und körperlichen Empfindungen, weil sie unsicher sind, wie sie nach außen wirken. Sie wollen gewissermaßen kontrollieren, wie die anderen Menschen sie wahrnehmen.

Dabei passieren mehrere Dinge:

  • Durch die Gedanken, die sie über ihre eigene körperliche Verfassung haben und die sie als schlecht einschätzen, werden noch mehr Stressbotenstoffe ausgesendet. Dies nennt man Self-Monitoring. Ängstliche Menschen beobachten sich und die Reaktionen des Publikums permanent, um die eigene Wirkung zu kontrollieren.
  • Ängstliche Menschen bewerten die auftretenden Körpersignale falsch. Sie deuten Schwitzen und Zittern nicht als natürliche Zeichen der Aufgeregtheit, sondern als Anzeichen für Überforderung, als Zeichen dafür, dass sie der Aufgabe nicht gewachsen sind. Das reine Gefühl „Angst“ sagt aber über die eigene Leistungsfähigkeit gar nichts aus. Sie denken auch, dass andere Menschen so etwas gar nicht haben und dass es unnormal ist. Dies verstärkt natürlich auch die Angst vor einer negativen Bewertung durch das Publikum.
  • Durch die Gedanken werden sie vom eigentlich wichtigen – dem Halten der Rede – abgelenkt und machen dadurch häufiger Fehler (nicht, weil sie so schlechte Redner sind). Sie sind durch die Doppelbelastung Rede und Self-Monitoring einfach abgelenkt.

Die Gedanken heizen den Teufelskreis aus Stresshormonen, Fehlern und negativen Gedanken über sich selbst also erst richtig an!

Dabei überschätzen ängstliche Menschen systematisch, wie gut andere Leute sie beobachten und wie gut sie mitbekommen, was im anderen passiert. Sie sind dann meist ganz überrascht, dass andere gar nicht gemerkt haben, dass sie rot geworden sind oder die Hände gezittert haben. Und auch die negative Bewertung solcher körperlicher Anzeichen wird überschätzt. Oder haben wir von jedem Menschen, der rot wird, gleich eine schlechte Meinung?

Durch die Gedanken, die man sich zu seinen Ängsten und Körperreaktionen macht, verursacht man genau das, was man vermeiden will – nicht komisch bzw. seltsam zu wirken. Denn durch die Vermeidung (zum Beispiel Tragen eines dicken Schals im Sommer, damit man die roten Flecken am Hals nicht sieht), wirkt es erst recht seltsam.

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Bearbeite nun die Seite 8 im Workbook.